Ansprachen Heimatstunde 2016

Die Texte der Ansprachen von Oberbürgermeister Zeidler, Ursula Maerker und Klaus Bott zum Nachlesen.

Ansprache Oberbürgermeister Norbert Zeidler

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

liebe Gäste aus Nah und Fern!

 

„Bei kurzen Reden ist gut zuhören, bei langen Reden ist gut nachdenken“, soweit ein russisches Sprichwort. Danke für Ihr Gehör, gleichzeitig werde ich versuchen, Sie auch etwas nachdenklich zu stimmen. 

 

„Nach unserer Erfahrung und Geschichte weiß ich, dass alles Wesentliche und Große nur daraus entstanden ist, dass der Mensch eine Heimat hatte“ - Martin Heidegger. Mit diesem Zitat kommt zum Ausdruck, dass Leben immer irgendwo beheimatet ist. Ohne Heimat kein Leben. Aus dem Erleben der Heimat erwächst die Erfahrung des Vertrauens und daraus der Wille, vieles zum Besseren zu wenden. Heimsuchungen und Heimatlosigkeit treffen Menschen in ihrer Existenz!

 

Heimatlosigkeit, das Wort unserer Zeit! Und wissen Sie wer’s in die deutsche Sprache eingeführt hat, wer hat's erfunden? Nicht die Schweizer, sondern Wieland! Er führte den Begriff durch seine Shakespeare–Übersetzung des Hamlet ein – landless resolutes! (als Vorsitzender der Wieland – Stiftung versuche ich ab und an mit zäh angeeignetem Wieland Wissen zu punkten! – Sie haben es gemerkt!)

 

…und damit sind wir sofort bei dieser ungemein komplexen, schwierigen Gemengenlage aus Flucht, humanitärer Hilfe, Terrorismus und IS, Neid, Sorge und AfD oder wie einem Politiker als Stoßgebet in den Mund gelegt wurde: „Herr gib uns mit Eigenheimzulage, Pendlerpauschale, Flaschenpfand und dem Skiunfall der Kanzlerin unsere Probleme von gestern wieder!“

 

Die Veranstaltung hier heißt Heimatstunde und nicht Märchenstunde und deswegen muss Politik das Jetzt gestalten! Das aber in dem Bewusstsein, dass man Menschen nicht ändern kann, aber Du kannst sie behelligen, berühren, damit sie die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

 

Das Thema "Flucht und Vertreibung" hat eigentlich nur zwei Adressaten - die Flüchtlinge und uns, die wir uns hier gleichsam schon immer ansässig, verwurzelt und landbesitzend wähnen -gleichsam den Aboriginies. 

 

Den Flüchtlingen habe ich beim Empfang der Stadt, hier in der Stadthalle zugerufen: „Wenn Sie „Ja“ zu unseren Werten und einem respektvollen Umgang sagen, dann werden wir zueinander finden. Das erfordert auch von meinen Landsleuten Offenheit und die Bereitschaft zur Veränderung.“...eine offene Gesellschaft ist weder zur Naivität noch zur Wehrlosigkeit verpflichtet!...Das kann und wird die Mitte dieser Gesellschaft leisten, dazu braucht es keine Extremen am rechten oder linken Bildrand, die im Stuttgarter Landtag wenige Wochen später als Fraktion geradezu implodieren, dazu braucht es keine AfD, die übrigens besser AzD hieße, Alternative zu Deutschland!

 

Warum denken wir so? Warum wählen wir so? Für mich kommen zwei Dinge gleichzeitig ins Spiel: Die German Angst und der Vergleich. Die drei apokalyptischen, angstüberladenen Reiter meiner Jugendjahre, der schwer gerüstete kommunistische Block, das Waldsterben und die Massenarbeitslosigkeit sind ziemlich lautlos an mir vorbei galoppiert. Aber das ist unsere klassische Bewährungsstrategie: Das Worst Case-Szenario als Ausgangspunkt aller Überlegungen.

 

Ja, und der Vergleich. Hieß es früher: "Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare!" heißt es heute: "Von der Zeugung bis zur Leiche: Vergleiche, Vergleiche!" Vergleiche sind eine der sichersten Quellen menschlichen Leids, aber auch von Neid und Missgunst - und von Radikalität! Menschen, die ohnehin schon unzufrieden sind, vergleichen sich noch stärker mit anderen. Dabei hallt ein kleiner Verlust länger nach als ein großer Gewinn. Was war da nicht alles an vergleichendem Mist in Zusammenhang mit den Flüchtlingen zu berichtigen: Vom angeblichen Kauf von Luxusjacken, die angeblich exorbitante Zunahme von Gewalttaten, der Erwerb von hochwertigsten Handys auf Landratsamtskosten …

 

Ein Graffiti, das ich dieser Tage zum Thema Gerücht entdeckt habe, bringt es für mich auf den Punkt: "Der Neider erfindet es, der Dumme erzählt es weiter und der Vollidiot glaubt es!" Um was es geht: Weniger Hype mehr Hirn - übrigens in Politik und Gesellschaft!

 

Und nun: die totale Kehrwende - auch wenn es bei uns gefühlt etwas ungemütlicher geworden ist - meine Damen und Herren: die Welt ist 2015 und 2016 ein besserer Ort geworden, lassen Sie uns nicht nur lamentieren, lassen sie uns auch Positives sehen :Die Kindersterblichkeit sinkt -fast überall auf der Welt...der Wohlstand steigt, auch fast überall, die Geburtenraten nehmen ab, die Armut wird weniger, sie ist seit 1950 laut UNO stärker zurückgegangen als in den 500 Jahren zuvor. Die Bildung verbessert sich weltweit, die Lebenserwartung steigt, in nahezu allen Ländern -nachzulesen alles bei Hans Rosling, einem schwedischen Professor.

 

A bissle was hatten wir ja auch zu feiern: 500 Jahre Deutsches Reinheitsgebot – das ist etwas anderes als Massenbierhaltung. Lassen sie mich das anschaulich vergleichen: Wenn ich eine Maß Bier (selbstredend von hier - Macky Marxen und die Familie Zimmermann seien an dieser Stelle gegrüßt) neben einen Liter Cola stelle, dann weiß ich was der Unterschied ist zwischen Kultur und Kapitalismus.

 

Und damit wären wir beim American Dream, oder sollte ich Alptraum sagen? Immer wenn ich Donald Trump im Fernsehen sehe, fällt mir dazu ein Woody Allen-Spruch ein: „Die heutige Jugend ist einfach unmöglich, sie hat keinen Respekt mehr vor gefärbten Haaren!“ Der „Hair-Force-One“, der mit Sprüchen wie „Ich bin der beste Präsident, denn Gott je erschaffen hat“ –oder “Wenn du mit Verlierern Zeit verbringst, dann bist du ein Verlierer“ – schon vorab zeigt mit welcher Empathie und Bescheidenheit er beabsichtigt, der wichtigste Regierungschef dieses Planeten zu sein. 

 

Dann doch lieber der Biberacher Dream – ich habe in einem Interview zum Ausdruck gebracht, sehr dankbar zu sein hier „meinen Traum von Kommunalpolitik mitgestalten zu dürfen!“ Das flog mir natürlich auch gleich wieder um die Ohren und „Ja, ich neige zum Pathos!“ – aber die Kernaussage stimmt: BC ist eine besondere Stadt, ein magischer Ort und wenn Cornelia Lanz bei Johannes B. Kerner im „klein, stark, oberschwäbisch“ T-Shirt auftritt, dann wird so etwas positiv transportiert und in dieser engagierten Frau verkörpert. 

 

Ja, wir sind auch eine gut gesittete Stadt, wenngleich wir von unterschiedlichen Protagonisten gelegentlich als „Bedürfnisbefriedigungsmaschine“ versucht werden und wir mit mehr oder weniger geschicktem Erwartungsdämpfungsmanagement bemüht sind, die Dinge im Lot zu halten. Es läuft gut im Gemeinderat und ich möchte mich auch dieses Jahr bei meiner Montag-Abend-Drangsal-Academy, auch Gemeinderat genannt, von Herzen bedanken! – 2016 ist ein besonderes im Sinne von eigenartiges Jahr, das so hoffentlich nicht zum Standard wird: Sicherheitsdebatte nach den Vorfällen von Köln, Flüchtlingsdebatte vor der Landtagswahl, danach Extremereignisse mit Bränden und vor allem Hochwasser – zum Glück läuft unsere Wirtschaft formidabel…

 

GR, Verwaltung und selbstredend auch der OB danken Ihnen allen, dass Sie als Mitarbeiter, als Handwerker, Selbstständiger oder Unternehmer erfolgreich arbeiten, dass Sie uns unser BC anvertraut haben und wir hoffen "es scho reacht" zu machen- um den schwäbischen Superlativ zu bemühen. Boehringer Ingelheim, LIEBHERR und Handtmann investieren je ca. 100 Mio. € in den Jahren 2016/2017 in BC - Danke für dieses Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort Biberach!

Danken wollen wir alle auch denen, die unsere Werte, unser Hab und Gut und wenn erforderlich auch unser Leben schützen. Großbrand Innenstadt am 25.05., Hochwassereinsatz am 29.05. – in Ringschnait zusätzlich 3.6. und 8.6. – und flächendeckend im östlichen Stadtgebiet erneut am 24.06.2016 vielen Dank unserer Feuerwehr mit Harald Buckenmaier an der Spitze, dem DRK mit Thomas Schilling und dem THW mit Jochen Bösing. Wir sind stolz auf Euch! Stolz und dankbar bin ich auch für die Mithilfe und Solidarität in der ganzen Stadt, den mehrfach betroffenen Menschen zu helfen. Einen persönlichen Dank auch denjenigen Geschädigten, die trotz blank liegender Nerven mit der Stadt und ihrem Führungspersonal fair umgegangen sind.

 

Dank in der Heimatstunde ist ein wichtiges Moment – ich gebe es zu: Beim ersten Mal hier war ich ganz schön „on fire!“ - wie angespannt darf, dann jemand sein, der wie Dieter Maucher das Erbe von Edeltraud Garlin hier im Biberacher Wallhalla, der Heimatstunde antritt - vielen Dank für diese Bereitschaft. Wir alle drücken die Daumen für dieses Erstlingswerk - das Thema ist vielversprechend: 200 Jahre Kleine Schützentrommler und das segensreichen Wirken des Apothekers Stecher, nach dem in BC eine kleine Straße benannt ist, in der übrigens nur richtig liebe Leut' wohnen - darunter leider nicht: Jerome Boateng!

 

Erstmalig mit von der Partie ist ebenfalls Ursula Maerker, die Leiterin des Städtischen Archivs, die uns anschließend den geschichtlichen Kontext näher bringen wird.

 

Mein letzer Dank gilt zwei Herren, die diesen Dank gleich gar nicht wollen, die aber nächstes Jahr aber in vollkommener Relaxtheit das Biberacher Schützenfest erleben werden und denen dieses Fest und damit auch diese Stadt so vieles zu verdanken hat: Vielen Dank Klaus Bott und Wolfgang Ocker und damit der gesamten Direktion. 

 

Ihr habt in all den Jahren nach einem Motto des Dichters August von Platen gehandelt, das jedes Jahr auch sinnbildlich für unser Schützenfest steht:

 

Denken, was wahr ist!

Fühlen, was schön ist!

Wollen, was gut ist!

 

Schöne Schützen

"Die Entwicklung des Biberacher Schützenfestes um 1800" Ursula Maerker, Leiterin Stadtarchiv Biberach

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Besucher der Heimatstunde

 

Vielleicht fragen Sie sich, wie eine Heimatstunde wohl zustande kommt?

 

Am Anfang steht die Suche nach dem Thema, dann folgt die Recherche in der Literatur und in verschiedenen Archiven sowie Gespräche mit sachkundigen Personen oder Zeitzeugen. Eines der Archive ist das Stadtarchiv. Dort wird seit Jahrhunderten das schriftliche Gedächtnis der Stadt verwahrt in Form von Urkunden und Akten, Fotos, Filmen, Plakaten, Zeitungen und so weiter und so weiter. Als Archivarin der Stadt Biberach sowie der Schützendirektion darf ich Ihnen heute die historischen Hintergründe des szenischen Spieles näher bringen.

 

Wir befinden uns zunächst am Ende des 18. Jahrhunderts. Seit gut 100 Jahren, nämlich seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wird die Reichsstadt paritätisch regiert. Das heißt ein evangelischer und ein katholischer Bürgermeister wechseln sich alle vier Monate in der Regierung ab, alle städtischen Amtsstellen sind entweder doppelt oder abwechselnd mit einem katholischen und einem evangelischen Bediensteten besetzt. Auch das Schützenfest findet, nach Konfessionen getrennt statt. Die Evangelischen feiern am Montag nach dem Dreieinigkeitsfest (das ist der Sonntag nach Pfingsten), die Katholiken am Montag nach dem ersten Sonntag im Juli.

 

Entstanden ist das evangelische Schützenfest vermutlich 1650, als nach dem Dreißigjährigen Krieg, die schwedischen Soldaten aus Biberach abzogen. Vorbild war das Anfang August desselben Jahres in Augsburg durchgeführte Friedensfest. Unsere erste Kenntnis zum Biberacher Schützenfest stammt ebenfalls aus dem Jahr 1650, denn Ende August unternahm der evangelische Schulmeister mit seinen Schulkindern in Anlehnung an das Augsburger Fest eine Art Ausflug. Er sang bei der Rückkehr mit den Schulkindern ein Lied, das den Zorn der Katholiken erregte. Nur weil dieser Streit zwischen den Konfessionen in den Protokollen vermerkt wurde, wissen wir heute davon.

Das katholische Fest entstand etwas später, wohl in Reaktion auf das evangelische Kinderschützenfest. Der Geheime Rat und Kapellenpfleger Johann Georg Lupin berichtet uns 1703 im Zusammenhang mit kriegerischen Ereignissen während des Spanischen Erbfolgekrieges erstmals davon: Wegen umherziehender Soldaten konnte (Zitat)„dises jahr von beeden Religionsantheilen das spaziren führen der schulkinder auf dem schüzenberg“ nicht stattfinden. Man kann aber davon ausgehen, dass das katholische Schützenfest zu diesem Zeitpunkt schon eine gewisse Zeit bestanden hat.

 

Wie das katholische und das evangelische Schützenfest zu Reichsstadtzeiten gefeiert wurden, darüber berichtet ausführlich der evangelische Chronist und Lehrer Johann Konrad Krais. Er lebte von seiner Geburt 1755 bis zu seinem Tode 1835 in Biberach und hat das Schützenfest sowohl als Schüler, als auch als Lehrer erlebt. Sie werden seine Darstellungen gleich auf der Bühne miterleben dürfen.

 

Verfolgen wir unsere Zeitreise weiter:

Die Zeit um 1800 war eine politisch unruhige Epoche, die auch im beschaulichen Oberschwaben nicht ohne Wirkung blieb. 1789 brachte die Französische Revolution das absolutistische Herrschaftssystem in Europa ins Wanken. Napoleon zog mit seiner Armee quer durch Europa bis nach Moskau. Zweimal wurde Biberach Schauplatz dieses grausamen Krieges. 

 

Bei der Neuordnung Europas verlor Biberach wie alle anderen Reichsstädte seine Unabhängigkeit und wurde zunächst der Markgrafschaft Baden zugeschlagen.

 

Für die Biberacher geschah etwas Unglaubliches. Die neuen Landesherren wollten das Schützenfest verbieten, weil es ihnen zu religiös und gegen die Toleranz gerichtet erschien. Ein Aufschrei in Biberach und Vermittlungsversuche der evangelischen Geistlichkeit hatten schließlich Erfolg: Baden erlaubte die Feier, aber nur als gemeinschaftliches Schützenfest beider Konfessionen und ohne den religiösen Gesang. Schweren Herzens fanden sich die Biberacher damit ab. Besser ein gemeinsames Schützenfest als gar keines. Als Biberach drei Jahre später im Austausch gegen Villingen Württemberg zugeschlagen wurde, änderte sich zunächst nichts.

 

Vielleicht förderte die zwangsweise Überwindung der konfessionellen Schranken die Kreativität bei den Biberachern. Für die Entwicklung des Schützenfestes begann jedenfalls eine fruchtbare Zeit. In den folgenden Jahren wandelte es sich von einer Art religiöser Prozession zu einem wahren Kinderfest. Der damalige Ratskonsulent und erste Schützendirektor Eben, führte erstmals Kinderspiele ein und ließ – man höre – „gemeinschaftliche“ Schaukeln errichten. Katholische und evangelische Kinder durften also nebeneinander schaukeln. Nachdem Kronapotheker Georg Friedrich Stecher die Kinderspiele übernahm, drehte sich 1809 das erste Karussell auf dem Gigelberg.

 

Ein Jahr später durften die Biberacher ihr Schützenfest wieder getrennt nach Konfessionen an den ihnen gewohnten Tagen feiern. Chronist Krais behauptet, dass beide Teile darüber froh gewesen seien, weil seit der Vereinigung keine wahre Freude bei dem Feste geherrscht habe.

 

Das evangelische Schützenfest entwickelte sich dank Georg Friedrich Stecher – er war von 1810 bis 1825 dessen verantwortlicher Leiter – rasant weiter. Wir verdanken ihm viel, was für uns heute selbstverständlich zum Schützenfest gehört: Er schaffte weitere Spiele an, wie z.B. einen auf ein Brett gemalten Mann, nach dessen aufgesperrtem Maul die Kinder mit Bällen warfen. Einen solchen kann man heute noch im Museum betrachten. Er führte die „Ziehung“ ein, eine Verlosung ohne Einsatz für Biberacher Schüler. Die Preise waren noch bescheiden, die Aufregung der Schüler war sicher genauso groß wie heute. Zur Freude von Kindern und Erwachsenen ließ er 1816 das erste Mal am Schützendienstag Nachmittag die Preise von Knaben und Mädchen in der Stadt herum und auf den Schützenberg tragen, an der Spitze eine Fahne, die von 2 Tambours und einer Feldmusik begleitet wurde. Fünf Jahre später waren es bereits fünf Fahnen, und zwei als Schäferinnen gekleidete Mädchen trugen ein lebendiges, mit Bändern geziertes Lamm in einem Korb herum. Der Festumzug war geboren. Aus den beiden Tambours entwickelte sich die Gruppe der Kleinen Schützentrommler und -pfeifer, die in diesem Jahr ihr 200-jähriges Jubiläum feiern. Auch die Geburtsstunde des „Biberacher Schützentheaters“ im Jahr 1819 fiel in diese Zeit. Es basiert ebenfalls auf einer Idee von Georg Friedrich Stecher.

 

Das katholische Schützenfest entwickelte sich langsamer. Der evangelische Apotheker Stecher half aus, in dem er den Veranstaltern Schaukeln, Schießscheibe und andere Kinderspiele auslieh. Als 1818 Senator Cloos, der erste Direktor für das katholische Schützenfest, in der katholischen Bürgerschaft eine Sammlung initiierte, konnte er für 30 Schüler eine uniformierte Scharfschützen-Compagnie erstellen sowie Schießscheiben und Kinderspiele aufstellen. Die Umzüge wurden musikalisch verstärkt. Beim katholischen Schützenfest spielten 1819 erstmals drei Knaben auf Waldhörnern. Drei Jahre später stellte Kronapotheker Stecher beim Evangelischen Schützenfest eine „Türkische Musik“ aus Schülern auf. Sie ist der Ursprung der „Kleinen Schützenmusik“.

 

Als Georg Friedrich Stecher 1824 seine Apotheke aufgab, plante er die Organisation des Schützenfestes in andere Hände zu übergeben, nicht zuletzt auch aus finanziellen Gründen. Die Spenden reichten nicht mehr aus, um das Nötigste bestreiten zu können und so hatte er bereits von seinem eigenen Vermögen zuschießen müssen.

Doch die Ereignisse überschlugen sich. Ein Erlass des württembergischen Oberamtes beendete das konfessionell getrennte Schützenfest. So feiert die Stadt seit 1825 nur noch ein Fest, das sich - anders als 1804 - in der Bürgerschaft rascher Beliebtheit erfreute. Die Zeiten hatten sich geändert. Die Direktion übernahmen zunächst die Gebrüder Goll, die Sie vielleicht aus der letztjährigen Heimatstunde kennen. Der Kinderfreund Georg Friedrich Stecher aber, dem wir auch das „Christkindle-Ralau“ an Weihnachten verdanken, war der Wegbereiter des Schützenfestes, wie wir es heute kennen – ganz nach dem um 1860 von dem Arzt Dr. Widenmann verfassten Motto: „Lasst sorgenlos die Kinder spielen, eh sie den Ernst des Lebens fühlen“.

Ansprache von Klaus Bott, Vorsitzender der Stiftung Schützendirektion

Vorab lieber Herr Goll, ich bleibe dem Schützenfest zukünftig auch ohne meine Funktion treu. 

Es ist sicher eine spannende Frage, wer, wie die Anspielung in Apotheker Stechers Aussage verstehen soll: „Lieber Goll ich helfe dir gerne und unterstütze dich auch in Zukunft.“ Sollte diese Aussage ein Warnhinweis an mich gewesen sein? Nun, ich hab da schon so meine Vorstellung. Früher nannte man es Einmischung, wenn ehemalige Verantwortliche von ihrer Funktion nur schwer los lassen konnten.

 

Heute regelt man das viel eleganter über sogenannte Beraterverträge, ein schöneres Wort für Einmischen, wie ich finde, und - dafür wird man auch noch bezahlt. Über das Honorar, lieber Rainer Fuchs, werden wir uns sicher einig.

 

Für die Heimatstunde schrieb Dieter Maucher das Bühnenstück: „Lasst sorgenlos die Kinder spielen …“

Er führt uns mit der Handlung zurück in die Entstehungsgeschichte des Schützenfestes, aus ursprünglich religiösen Schulfesten weiter entwickelt, in eine große Bürgerveranstaltung, seiner heutigen Struktur als gemeinsames Kinder- und Heimatfest der Biberacher. 

 

Eine Fülle von Informationen, Ereignissen und Geschichtsanlässen sind in dem Bühnenstück verpackt und lebendig dargestellt.

Es ist zum einen die Geschichte des engagierten und kinderlieben Apotheker Stechers, der sich in geradezu idealer Weise für eine Fortentwicklung und die Kinderfreundlichkeit des Festes engagierte und so dem Schützenfest seine Ausrichtung bis zum heutigen Tag zukunftsweisend gab.

 

Zum anderen ist es im Spiel aber auch das Aufzeigen der Innovationskraft dieser Stadt, mit dem Mut Veränderungen zu wagen. Ebenso erfahren wir, dass sich die Bürgerschaft dieser Stadt schon immer dem Streben nach Einigkeit, Verständigung und Harmonisierung hingab.

Auch wenn ein Murren und Proteste bei Veränderungen oft den Anfang machten und machen, damit onsre Oberschlaula au moal zu Wort kommet und in Biberachs Historie einen Platz einnehmen.

Am Ende finden wir Akzeptanz und alle sind stolz auf das Erreichte.

Für mich ist es gleichzeitig, und dafür bin ich mehr als dankbar, ein ausgezeichnetes Lehrstück über die Schützendirektion früher und heute. Heute?

Ja, ich war mir nicht immer sicher, ob ich das Gestern oder das Heute im Spiel erlebte.

Wurde das Heute in das Gestern eingearbeitet oder sind wir heute noch so wie gestern.

Der stockende Umzug, das Thema Sicherheit, hereingereichte Getränke haben wohl dauerhafte Tradition bis heute. Allerdings, gab's damals noch gehorsames Verhalten.

 

Lieber Dieter Maucher, da ist dir sicher ein interessanter Spannungsbogen gelungen, der uns, wie Herr Oberbürgermeister Zeidler empfiehlt, nachdenken lässt.

 

Alle, die in dieses hochehrenhafte Gremium einziehen, sollten diese Heimatstunde gesehen haben, damit sie in der Ursprungsgeschichte bewandert sind, wissen was sie erwartet und wie kollegial man miteinander umgeht.

 

Sich vollkommen aufopfernd im undurchschaubaren Geheimbund, connectionhaft die Strippen ziehend, natürlich immer im Vordergrund das Wohl der Kinder, die eigene Selbstdarstellung großzügig vernachlässigend, als Bürger dieser Stadt, sich zumindest ein bisschen wichtig fühlend.

 

Geschickt legt er den Finger auf empfindliche Stellen unserer Eitelkeiten, lenkt aber auch den Blick auf unliebsame Entwicklungen.

 

Die vielen jungen mitspielenden Kinder in Relation zu den Erwachsenen ermahnen uns, an die Wurzeln des Festes und dessen Ursprung zu denken, den Kindern eine Freude zu machen, ihnen Freude zu schenken, das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Für mich ist dies die Kernbotschaft der diesjährigen Heimatstunde unter dem Titel „Lasst sorgenlos die Kinder spielen ...“ und damit auch die Verpflichtung gegenüber dem Engagement und Erbe von Apotheker Stecher.

Liebe Kinder, weil ihr so gut mitgespielt habt, ist diese Botschaft auch sicher angekommen. 

Und dann noch eine Botschaft, die Dieter Maucher Apotheker Stecher in den Mund legt: „Dass es das Schützenfest noch gibt, grenzt an ein Wunder. Oder ist es gar kein Wunder? Vielleicht ist das Schützenfest für die Biberacher das einzig Normale, was sie hält, in einer unsteten und verrückt gewordenen Welt.“

Natürlich fehlen auch Visionen nicht. Keine Sorge, wer über die Mitwirkung von Mädchen bei den Kleinen Schützentrommlern und -pfeifern 200 Jahre nach ihrer Gründung nachdenkt, muss deswegen nicht gleich zwingend zum Arzt gehen.

 

Neben diesen Einblicken in die Entwicklung des Biberacher Schützenfestes und der Schützendirektion verbindet er an unterschiedlichen Schnittstellen auch die allgemeine Historie dieser Zeit. Das Auf und Ab der Kriegswirren, die Bürger als Spielball lösen, Beklemmung in uns aus, machen uns betroffen. 

Und dann dürfen wir wieder durchatmen, wenn sorgenlos die Lehrer von Haus zu Haus, fast hätt' ich gesagt saufen, nein singen ist richtiger.

 

Zusammen mit Ursula Maerker recherchierte Dieter Maucher die Fakten und Tatsachen. Beide ermöglichten damit, dass auch Originaltexte aus dieser Zeit eingearbeitet wurden und die Abläufe der damaligen Realität entsprechen.

In einer modernen und doch immer wieder schwäbisch heimeligen Sprache vertextet Dieter Maucher humorvoll, tiefgründig und spritzig in der Sprachführung die Dialoge und zeigt so die Charaktere der damaligen Persönlichkeiten und Zeitepoche.

 

Spielwitz, Dynamik und Geschwindigkeit in der Inszenierung, lassen trotz des umfangreichen Inhalts keine Langeweile aufkommen. 

 

Gerade durch den strukturellen Kunstgriff, indem zuerst ein Rückblick gegeben und dann die Handlung nachvollzogen wird, macht er die Vermittlung der komprimierten Inhalte möglich.

 

Eine besondere Anerkennung möchte ich dem ganzen Ensemble aussprechen: Mit Herzblut identifizieren Sie sich mit der Rolle und der Persönlichkeit, die Sie spielen.

 

Neben all der vielen Zeit, die Sie für Proben und das Einstudieren auf sich nahmen, haben Sie die damaligen Lebensumstände an sich selbst sehr realistisch wahrgenommen und überzeugend gespielt. Das spürt man an Ihrer Verwurzelung und Identifikation mit Ihren Rollen. Es war ein authentisch, professionelles Spiel, was Sie heute zur Aufführung brachten. Das verdient unser aller Hochachtung.

  

Zurückhaltend und doch die Abläufe unterstützend spielt das Streichensemble um Klaus Pfalzer gekonnt zu den einzelnen Szenen auf, vielen Dank.

 

Ein pointiertes und durchdachtes Bühnenbild, mit raffinierter Beleuchtungstechnik, Kostüme und Schminke geben der Handlung den Rahmen und spiegeln Atmosphäre wieder.

 

Herzlicher Dank gebührt dem Dramatischen Verein, stellvertretend Ihnen, dem Vorsitzenden, Herr Buck. Sie haben mit den Mitwirkenden in Ihrem Verein und der Schützendirektion mit Herrn Maucher und seinen Mitwirkenden eine hochmotivierte Spielgemeinschaft gefördert und alle Aktivitäten unterstützt. Ohne diese Symbiose wäre dieses Bühnenstück nicht gelungen. 

Besonders möchte ich den von allen Beteiligten einfühlsamen und unterstützenden Umgang untereinander bei den Proben hervorheben.

 

Ein besonderer Dank gilt auch der Mali- Gemeinschaftsschule, dir lieber Karl Schley, dem Schulleiter. Du hast alle Unterstützungen und Freiheiten dem Heimatstundenteam gewährleistet und ihnen in eurer Schule eine Probenheimat gegeben. Das Team hatte deine volle Unterstützung.

Vielen Dank Karl Schley. 

 

Lieber Dieter, du hast mir bei den Proben gesagt, du selbst seist unwichtig, es sei ein Uhrwerk mit vielen Rädchen und du würdest diese Rädchen nur zusammenfügen. Du bist der Uhrmacher, ohne den es diese beeindruckende Uhr Heimatstunde nicht gäbe, daher gratuliere ich dir und der gesamten Frau- und Mannschaft, allen Mitwirkenden und Helfern, dir auch zu deinem Debut, allen zu einer außerordentlichen und gelungenen lebendigen Geschichtsstunde.

  

Herzlichen Dank Herr Oberbürgermeister Zeidler für Ihre Festrede.

 

Mit nachdenklichem Inhalt, motivierend aber auch humorvoll skizzieren Sie Ihre Wahrnehmungen der derzeitigen lokalen und auch globalen Geschehnisse und Ereignisse. Leben muss beheimatet sein, ohne Heimat kein Leben, so Ihre Betrachtungsweise. Daraus entwächst Fürsorglichkeit, so bringen Sie es zum Ausdruck.

 

Versuchen wir allen Menschen ohne Heimat und in Not, ein Heimatgefühl und damit Fürsorge zu vermitteln, ohne Fingerzeig und Neiddiskussion, offen und auch fordernd dann entsprechen wir sicher Ihren Gedanken. 

Sie erinnern uns zurecht auch daran, dass die Welt in 2015/2016 eine bessere geworden ist, auch wenn es noch viel Elend auf der Welt gibt.

Wir müssen auch das Gute wahrnehmen, damit wir weiterhin für eine bessere Welt einstehen und daran arbeiten.

Vielen Dank Herr Oberbürgermeister Zeidler.

 

Herzlichen Dank sage ich auch dir liebe Ursula Maerker,

du hast dich richtig reingekniet in die Recherchen, die Archive durchforstet, deine Erkenntnisse profund zusammengestellt, und  heute informativ und souverän vorgetragen. Alle Achtung und vielen Dank. Auch dir herzlichen Glückwunsch zu deinem Debüt.

 

  • Herzlichen Dank der Gruppe Mund Art und Werner Krug  für „Mei Biberach“, ein Lied, das jährlich die Gefühle und Empfindungen vieler Biberacher bei der Heimatstunde widerspiegelt und das Sie uns heute zum letzten Mal vorgetragen haben. Viele Jahre klang es in unseren Ohren und schlägt heute erneut den Bogen zum Heimatgedanken, ja, in Biberach fühlen wir uns wohl.

 

  • Dank gilt auch der Stadt Biberach und den Verantwortlichen der Stadtgärtnerei für das frische Sommergrün, das zusammen mit Requisiten, Bühnenbild, Kostüme, Maske und Technik ohne Dominanz die Handlung unterstreicht.

 

Ihnen uns allen wünsche ich a schöne Schütza