»Schützen« einst und jetzt

Das Biberacher Schützenfest hat trotz Namensgleichheit nichts zu tun mit den in West- und Norddeutschland üblichen Schützenfesten. In einem Entwicklungsprozess von mehreren Jahrhunderten ist es zum heutigen historischen Kinder- und Heimatfest geworden, dem Höhepunkt des Biberacher Jahres; im lokalen Sprachgebrauch teilt man es in »vor d’r Schütza« und »noch d’r Schütza«.

In seinem Ursprung ist das Biberacher Schützenfest, welches als evangelisches Fest erstmals 1650 und als katholisches Fest erstmals 1703 belegt ist, ein Schulfest, das von den beiden Konfessionen getrennt gefeiert wurde. Da der Zug die Schulkinder zum Schützenhaus, dem heutigen Schützenkeller auf dem Schützenberg führte, erhielt dieses Schulfest schließlich den Namen »Schützenfest«.

Die moderne Entwicklung des Schützenfestes fällt ziemlich genau mit dem Ende der reichsstädtischen Selbstständigkeit zusammen. Erstmals 1802 erklang der Choral »Rund um mich her ist alles Freude«; sehr bald wurde dieser zum Festlied aller Biberacher. Es folgten – erst unter badischer, dann unter württembergischer Herrschaft – einige Jahrzehnte tastender Entwicklung, bis sich in der Biedermeier-Zeit die heutigen Grundzüge herausbildeten. So gibt es seit 1810 für die Kinder eine Lotterie ohne Einsatz, die sogenannte »Ziehung«, bei der jedes Los gewinnt. Der Festzug war anfangs eine Art Blumen- und Fahnenkorso. Trommler traten erstmals 1816 auf. Aus der Knabenkapelle von 1821 ging die heutige»Kleine Schützenmusik« hervor.

Seit 1819 spielt man »Schützentheater«, und zwar in einer Tradition, die – wie das Schützenfest selbst – nur durch die beiden Weltkriege unterbrochen wurde. Seine jetzige Eigenart gewann das Schützentheater mit seinen Märchenspielen durch singspielartige Elemente und großzügige Ballettausstattung sowie durch ausgetüftelte Massenregie. Auf der Bühne wie im Orchestergraben wirken ausschließlich Kinder und Jugendliche mit.

Endgültig als gemeinsame Veranstaltung beider christlicher Konfessionen erschien »Schützen« 1824. Die Trägerschaft sowie die Durchführung liegen seit 1834 in den Händen der Schützendirektion. Dieses Gremium ist im Laufe der Zeit von drei auf mehr als vierzig ehrenamtlich tätige Mitglieder zuzüglich einer ganzen Reihe von Schützenbeiräten angewachsen.

Die Epoche des »Dritten Reiches« brachte auch dem Schützenfest gar mancherlei Anfechtungen. Andererseits aber bildeten sich neue Ansätze heraus. So wurde die »Heimatstunde« zum festen Bestandteil des Festprogramms; sie kristallisierte sich zu einer hochrangigen Veranstaltung, in der alljährlich ein anderes Thema der Stadtgeschichte behandelt wird.

Unmittelbar vor Beginn des zweiten Weltkriegs setzte die Entwicklung des »Historischen Festzugs« ein. Von der frühesten urkundlichen Erwähnung Biberachs unter den Salier-Kaisern bis zur Bismarck Ära wird die Stadtgeschichte in exemplarischen Szenen dargestellt. Sorgfältige Quellenforschung sowie eine möglichst originalgetreue Wiedergabe historischer Ereignisse und Personen geben dem Festzug am Schützendienstag und nochmals an Bauernschützen sein besonderes Gepräge. Mehr als 200 Gespann- und Reitpferde mit zeitgenössischen Geschirren und Zäumungen sind eine Attraktion.

Auch das Lagerleben historischer Festzugsgruppen inmitten der malerischen Kulisse des Gigelbergs ist eine Besonderheit des Schützenfestes. Die »Zunfttänze« von Schülern und Schülerinnen tradieren handwerkliches Brauchtum in der Gegenwart. Der »Tanz durch die Jahrhunderte« zeigt bäuerliche, höfische, bürgerliche und moderne Tänze aus unterschied lichen Epochen.

Der »Bunte Festzug« am Schützenmontag bietet ein jährlich wechselndes Bild. Jede Biberacher Schule wählt sich selbst ein Thema aus und gestaltet es mit viel Fantasie und Kreativität. Der Wettbewerb unter den Schulen um die beste Darstellung hat sehr zum hohen Niveau des Festzugs beigetragen.

Der heutige Charakter eines Kinderfestes wird nicht zuletzt durch die »Schützenspiele« und die »Ziehung« für die jüngeren sowie das »Biberschießen« für die älteren Schülerinnen und Schüler unterstrichen.

Immer mehr entwickelt sich »Schützen« zu einem großen Bürgerfest. Dies wird sichtbar am Engagement spontan sich bildender Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen, von denen nur beispielhaft genannt seien: Baltringer Haufen, Räuberbande des Schwarzen Veri, Biberacher Bürgerwehr, Scharwächter sowie die Ensembles für den »Tanz durch die Jahrhunderte«. Auch die feste Einbindung der Jahrgänger-Feiern weist in dieselbe Richtung. Der »Tanz für Jung und Alt« auf dem Biberacher Marktplatz vereint weit über zehntausend Menschen aus allen Generationen und Schichten. Schließlich sind der beachtlich große Vergnügungspark auf dem Gigelberg sowie die alten Bierkeller rundherum besondere Festattraktionen.

Während seiner neuntägigen Dauer präsentiert sich das Biberacher Schützenfest mit Darbietungen von hohem kulturellen Anspruch, mit historischen Großveranstaltungen, mit Lustbarkeiten für die Kinder sowie natürlich auch mit Angeboten von Volksfestcharakter. Die angestammten wie auch die zugezogenen »Biber« lieben ihre »Schützen« als den Höhepunkt eines jeden Jahres.